Denn vielleicht macht es ja einfach nur krank den Mund zu halten! Eine Antwort an Dilek Kolat und die SPD

Zuerst einmal freuen wir uns, dass wir mit unserem Workshop „Vielleicht ist es auch einfach krank den Mund zu halten!“ bei der diesjährigen Woche der seelischen Gesundheit mitmachen können.

Beim Durchblättern des Programmhefts sind wir aber gleich zu Beginn über das Grußwort von Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) gestolpert. Hier müssen wir ein paar Worte los werden. Frau Kolat schreibt, dass es uns im Land so gut wie nie zuvor gehen würde. Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosenzahlen sinken, die Arbeitszeit wird weniger. Das führt sie zu einem grandiosen Befund: Die Lebensbedingungen und die an uns zerrenden Belastungen hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht verschärft sondern sogar verringert. Gerade auch, wenn man nur mal an die Herausforderungen des Lebens „in und nach dem Zweiten Weltkrieg“ denken würde.

Ja, das sag die Berliner Gesundheitssenatorin wirklich so. Auf den Nachkriegsvergleich möchten wir nicht weiter eingehen, meinen aber, dass er an dieser Stelle nicht angebracht ist und nur darauf abzielt, das Gefühl zu geben, uns mit der heutigen Situation irgendwie zufrieden geben zu müssen, weil wir ja nicht mehr in einem zerbombten Land mit Nahrungsmittelknappheit leben. Wohl aber wollen wir auf den Rest des Grußwortes näher eingehen. Wir weisen darauf hin, dass Wachstum eben nicht automatisch bedeutet, dass es den Menschen besser geht. Hinter dem Wachstum geht es immer um Verteilung. Und da waren die letzten Jahrzehnte eindeutig von einer Umverteilung von arm nach reich geprägt. Offiziell sind die Arbeitslosenzahlen zwar gesunken, aber eben auch durch den Trick, die Mehrheit der Transferleistungsbezieher*innen auszublenden. Nach wie vor bekommen in der BRD 6 Millionen Menschen ALG II oder Sozialgeld. Immer mehr Menschen in Berlin sind armutsgefährdet. Und im Bereich der Arbeitsbedingungen sehen wir die Ergebnisse neoliberaler Deregulierung. Ob Leiharbeit, befristete Verträge, gelockerter Kündigungsschutz, immer mehr Menschen arbeiten zu immer unsichereren Bedingungen.

Wir sehen das also ganz anders als die Senatorin. Nach 30 Jahren Neoliberalismus haben sich die an uns zerrenden Belastungen verschärft. Dass eine SPD-Politikerin in einer völlig anderen Welt zu leben scheint, das kennen wir schon.

Erst vor ein paar Monaten haben wir eine Doppelveranstaltung zum Thema Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung gehabt. Dort wurde aus erster Hand berichtet, wie Altersarmut gerade auch von der SPD zum staatlichen Programm gemacht wurde. Mit deutlichen psychischen und physischen Folgen für Betroffene. Und das ist nur ein Beispiel. Jeder Gang zum Jobcenter zeigt uns, wie abfällig Arme behandelt werden. Jeder Wohnungsverlust ist purer Stress. Und überall wirken Rassismus, Sexismus und andere Formen von Diskriminierung, die ebenfalls stressen.

Die Gesundheitssenatorin meint, dass angesichts der von ihr befundenen guten Lage der Stress der Leute wohl individuelle Gründe hat. Also hat sie auch eine dementsprechende Lösung parat: ein bißchen mehr Sport und Achtsamkeit auf der einen Seite und „langfristige Verhaltensänderungen“ auf der anderen. Sprich wir sollen einfach nur besser mit dem klarkommen, was Kapitalismus, SPD & Co uns tagtäglich abverlangen.

Nein Frau Kolat: eine gestresste Gesellschaft hat strukturelle Ursachen. Eine gestresste Gesellschaft kommt von fieser sozialdemokratischer Politik. Deswegen organisieren wir uns und stellen grundsätzliche Fragen. Deswegen wehren wir uns und stressen zurück. Denn vielleicht ist es ja auch einfach nur krank den Mund zu halten.