Anna bleibt. Räumungsklage abgewiesen. Nix mit Eigenbedarf.

Etwa 20 Leute kamen am Mittwoch zu Annas Urteilsverkündung am Landgericht und trauten zunächst ihren Ohren nicht, als die Richterin ‚Klage abgewiesen‘ sagte. Anschließend wurde das Urteil verlesen und jede einzelne Teilbegründung des angeblichen Eigenbedarfs der Eigentümerin zerlegt. (Den Bericht vom Prozess selbt gibt es hier, den Bericht von der Verhandlung in der ersten Instanz gibt es hier.)
Die hatte behauptet, sie brauche Annas Wohnung, um ihren Arbeitsweg zu verkürzen. Der lange Weg stresse sie und ihre Familie leide darunter. Das fand die Richterin nicht schlüssig. Denn von der Wohnung aus hätte der Ehemann einen deutlich längeren Arbeitsweg nach Brandenburg. Es würde also stressig bleiben für die Familie. Besonders deshalb, weil das Ehepaar dann einen Doppelhaushalt führen müsse.
Der Ehemann hatte vor Gericht gesagt, seine Frau wolle von der Wohnung aus mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln. Auch das überzeugte nicht. Denn wir erinnern uns: Angeblich wollte das Ehepaar die Wohnung bevorzugt in den kalten, dunklen Monaten nutzen. Außerdem wurde sich an vielen Stellen auf das hohe Alter der Eigentümerin berufen, weshalb beispielsweise nun auch die Autofahrt zu stressig sei. Und das Gericht merkte an: Im Winter fährt man in der Regel weniger mit dem Fahrrad. Besonders mit zunehmendem Alter sei das unwahrscheinlich.
Auch das Argument der die drohenden Altersarmut löste sich in Luft auf. Die Eigentümerin hatte behauptet, sie brauche Annas günstige Mini-Bude als Zweitwohnung, da sie nur eine geringe Rente zu erwarten habe. Das Gericht urteilte, dass die insgesamt fünf Immobilien der Eigenümerin durchaus in die Altersvorsorge einzuberechnen seien. 
Prinzipiell war es für die Richterin nicht glaubwürdig, dass das Ehepaar in eine unrenovierte Altbauwohnung mit Dusche in der Küche und Klo in der Abstellkammer ziehen wolle. Auch die Bemühungen des Ehemanns konnten da nicht überzeugen. Er hatte kundgetan, sie hätten vor 30 Jahren eine ähnliche Wohnung gehabt. Also alles kein Problem? Unglaubwürdig, urteilte das Gericht. Mittlerweile hätten sich die Lebensumstände und Standards des gut situierten Ehepaars deutlich geändert. Sie ist Anwältin mit eigener Kanzlei, er ist Immobilienkaufmann. Beide wohnen im noblen Eigenheim im Grünen. Und jetzt kurz vor der Rente nochmal wie in Studizeiten hausen? Wohl eher nicht.
Nicht zu vergessen die zeitliche Abfolge der Ereignisse, die das Gericht zweifeln lies: Anna hatte eine überhöhte Miete zurückgewiesen und sich auf die Mietpreisbremse berufen. Kurz danach kam augenscheinlich ganz unvermittelt in der Vermieterin der Wunsch auf, Eigenbedarf in ihrer Wohnung anzumelden
Für uns ist klar: Es lohnt sich dranzubleiben. Die erste Instanz, das Amtsgericht Neukölln, hatte der Eigentümerin die Story abgekauft. Aber bei Stress mit der Vermieterin darf man nicht allein bleiben. Bei Annas Verhandlung waren 60 Unterstützer*innen dabei und haben dem Gericht und dem Zeugen auf die Finger geschaut. Wenn nötig, bleiben wir auch weiterhin dran. Falls Annas Eigentümerin nun anfängt, sie anderweitig zu nerven, unterstützen wir gerne. Das gilt für alle Leute, die Stress mit der Vermieterin, dem Chef oder dem Jobcenter/Amt haben. Dafür gibt es unseren Anlaufpunkt jeden 1. und 3. Dienstag im Monat, wo alle mit Stress wilkommen sind.
Und hier noch die Presseschau (inkl. Springer) zu #AnnaBleibt: